Nachrichten vom 19.03.2012

Kulturschock

Der Streit um die Zelle geht in die nächste Runde. Am 22. März treffen sich Vertreter der Stadtverwaltung und des Jugendzentrums. Dabei soll geklärt werden, ob es sich bei der Zelle um eine gastronomische Einrichtung handelt oder um ein selbstverwaltetes, autonomes Jugendzentrum. Die Stadt Reutlingen sieht die Zelle als Gastronomie und verlangt deshalb eine Ausschanklizens. Dabei arbeitet die Zelle seit 44 Jahren nicht gewinnorientiert. Sämtliche Erlöse durch Getränkeverkauf werden in Kulturarbeit investiert. Bürgermeister Peter Rist steht nach eigenen Angaben „ohne Abstriche zur Zelle“. Weder sei eine „Gängelung“ noch die „Zerstörung“ der Zelle Ziel der Stadt. Eine Gaststättenkonzession gefährdet den Status der Zelle als „außerschulischer Bildungsträger“. Außerdem warnten ehemalige Zelle-Mitarbeiter und –besucher in einem offenen Brief vor dem Ende ehrenamtlicher und nichkommerzieller Arbeit in dem Jugendzentrum, sofern dieses durch die Konzession zu einem Gewerbebetrieb würde.

Pflegeheim geschlossen

Schon vor einem Jahr gab es einen Skandal um das Pflegeheim und die Besenwirtschaft auf Schloss Roseck: die Betreiber hatten mit Koli-Bakterien verseuchtes Brunnenwasser in die Trinkwasserleitung eingespeist. Damals zogen sich die Betreiber mit der Zusage aus der Affäre, sich aus der Heimleitung zurückzuziehen. Statt Mutter und Sohn Eggenweiler übernahm daraufhin die Ehefrau des Sohnes die Heimleitung. Nun hat das Tübinger Landratsamt aufgrund weiterer Mißstände endgültig die Räumung des Pflegeheims angeordnet. Beispielsweise waren mehrere Heimbewohner unangemessen untergebracht, außerdem gab es fehlerhafte Abrechnungen. Am 31. Januar diesen Jahres ordnete das Landratsamt bereits die Räumung bis zum 7. März an. Eine Klage der Betreiberin Bettina Eggenweiler wies das Verwaltungsgericht in Sigmaringen zurück, allerdings wurde die Frist auf den 15. März verlängert. Doch noch immer sind alle 25 Bewohner im Heim. Die Geschäftsführerin hat inzwischen vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim Beschwerde erhoben. Eine Entscheidung ist erst nach Ostern zu erwarten. Derweil hat das Landratsamt nach alternativen Heimplätzen gesucht und sich an die Angehörigen der Heimbewohner gewandt. „Wir müssen dafür sorgen, daß pflegebedürftige Menschen in zuverlässiger Obhut sind.“ erklärte der Tübinger Landrat Joachim Walter.

Forstreise nach Japan

Der Rektor und ein Professor der Rottenburger Forsthochschule sind gerade von einer Reise durch Japan zurückgekommen. Sie waren zum Austausch mit Forstexperten zu Symposien und Kongressen eingeladen. Japan hat sehr viel Wald in schwieriger, weil bergiger Lage. Die Infrastruktur und die Technologien zur Holzverarbeitung sind kaum entwickelt. Außerdem mangelt es an Förstern, die gleichzeitig Produzenten, Berater, Kontrolleure und Naturpfleger sind. Wichtig sei der Aufbau von neuen Ausbildungsstätten für Forstleute. Mit dem Know-How aus Rottenburg und Hilfe vom Land Baden-Württemberg könnte eine Forsthochschule nach deutschem Vorbild entstehen und Modellcharakter für Japan haben. Damit ließe sich die Entwicklung des Bioenergiesektors auf forstlicher Basis beschleunigen.

Neue Wege in der Krebsforschung

Das neue Medikament Vermurafenib des Pharmakonzerns Roche weckt große Hoffnungen: Es ist das erste Medikament, dass einen Hautkrebstumor ohne Chemotherapie zurückdrängen kann. Die Mediziner an der Tübinger Uni-Hautklinik sind vorsichtig optimistisch. Sie waren an der Entwicklung selber beteiligt. Doch ist Vermurafenib nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer medikamentösen Krebstherapie. Die Wirkung nutzt sich ziemlich schnell ab, nur etwa neun Monate lang lässt sich der Krebs wirksam bekämpfen: Wenn er danach nicht besiegt ist, muss gegen die Metastasen auf altbewährte Behandlungen zurückgegriffen werden. Darüberhinaus ist das Medikament nicht billig: Ca. eine Million Euro kostet die erfolgreiche Behandlung eines Patienten, alleine 35.000 Euro im Monat kostet die medikamentöse Behandlung. Das wirft ethische Fragen auf: Darf man die Sinnhaftigkeit einer Krebsbehandlung über die Kosten bewerten? Trotz aller Probleme sind die Forscher begeistert über diesen ersten Schritt, denn das Medikament eröffnet vollkommen neue Wege in der Krebsforschung.

Solche neuen Wege beschreiten seit einigen Jahren auch Forscher, die sich mit der Krebsbekämpfung durch Antikörper beschäftigen. Bei der Tübinger Firma Synimmune, die an das biologische Institut der Uni angeschlossen ist, arbeiten zu diesem Zweck Immunologen, Onkologen und Biologen eng zusammen. Sie haben nun funktionstüchtige Antikörper entwickelt. Antikörper-Proteine nutzen das körpereigene Immunsystem zum Kampf gegen den Krebs. Der Bund fördert das Projekt mit 2,7 Millionen Euro. Schon vor fünf Jahren hatten die Wissenschaftler über die “Gründungsinitiative Biotechnologie” gut zwei Millionen Euro erhalten. Die Produktion der Antikörper wird noch in diesem Monat beginnen. Das wird in eine erste klinische Studie münden, die Anfang 2013 an der Tübinger Uniklinik beginnen wird.

Krankenstand im Kreis

Laut jährlichem Gesundheitsreport der AOK werden Arbeitnehmer in Tübingen seltener krank als in den umliegenden Landkreisen. Im Raum Tübingen war jeder der rund 34.000 bei der AOK versicherten Arbeitnehmer im Jahr 2011 circa 12,6 Tage lang krank. Mit einem Krankenstand von 4,2 Prozent liegen die Tübinger Arbeitnehmer 0,3 Prozentpunkte unter dem Kreis Reutlingen und dem Zollern-Alb-Kreis. In die Statistik gingen allerdings nur Krankheitsfälle ein, die beim Arzt gemeldet wurden, weshalb sich die Zahlen der AOK stark von denen der Betriebe unterschieden, so Hans Willi Kies, Geschäftsführer der AOK Neckar-Alb. Aufgeschlüsselt nach Berufen ist die höchste Krankenquote mit weit über 5 Prozent in der Krankenpflege und bei Sozialarbeitern zu finden. „In diesen Berufsgruppen spielen psychische Erkrankungen eine große Rolle“, so Richard Scherer, ein Sprecher der AOK Neckar-Alb. Auch die Arbeit als Lagerist, Kindergärtner und auf dem Bauhof führe sehr häufig zum krankheitsbedingten Ausfall. Zu den gesündesten Berufsgruppen zählen laut Scherer die Bürofachkräfte, vor allem im Finanzdienstleistungssektor.

Neue Bestattungsformen

Der Gemeinderat Ofterdingen zieht in Erwägung, demnächst zwei neue Bestattungsformen anzubieten. Die Bestattungskultur hat sich über die Jahre hinweg verändert, weshalb laut Friedhofsberater Joachim Ebinger großes Interesse an neuen Formen bestehe. Auch Simone Mertins, Pressesprecherin des Ofterdinger Rathauses, erkannte, dass die Tendenz ganz deutlich in Richtung von Formen ginge, die weniger oder keine Pflege durch die Hinterbliebenen verlangen. Ebinger schlug deshalb vor, auf dem Friedhof der Gemeinde einen Blütengarten sowie ein Baumgrab anzulegen. Ein Blütengarten mit verschiedenen Gewächsen und Bachlauf könnte für knapp 30.000 Euro realisiert werden. Ein Baumgrab, bei dem 8 Urnen auf einer Wiese im Kreis um einen Baumstamm in die Erde gelassen werden, würde die Gemeinde rund 5000 Euro kosten. Die Gemeinderäte stehen Ebingers Vorschlägen offen gegenüber.

Gründeretage

Sebastian Werner und Sebastian Reza haben Erfolg mit ihren jungen Unternehmen. Reza ist Gründer der »Kekswerkstatt« mit Sitz in Tübingen. In einem Online-Shop können die Kunden der Firma seit 2011 ihre Kekse selbst konfigurieren – ob süß, scharf oder lactosefrei. Was gewünscht ist, wird geliefert. Das kommt ebenso gut an wie der Energydrink »Get Dive«, den Werner im Jahr 2009 mit seinem Partner Alex Baumhauer auf den Markt warf. Auf der »Gründerzeit Baden-Württemberg« im Haus der Wirtschaft – einer Veranstaltung, mit der die Landesregierung die neue Gründungs-Offensive in Gang setzte – präsentierten junge Firmen ihre Produkte. Höhepunkt war der sogenannte »Elevator-Pitch«-Wettbewerb: Dabei hatten die 36 Start-up-Unternehmen in einem Lastenaufzug nicht länger Zeit als eine Aufzugfahrt, um die Jury von ihrem Geschäftskonzept zu überzeugen. Sebastian Reza gewann den Contest, Sebastian Werner wurde Fünfter.

Hohe Pachtpreise

In Ergenzingen bei Rottenburg sind die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen besonders hoch. Manche der Ansässigen vermuten den Grund im hohen Flächenbedarf der beiden Biogasanlagen. Volker Derbogen, Rottenburgs erster Bürgermeister, sieht die Ursache allerdings eher in der Flächenverknappung durch den Straßenbau und die Industrie- und Gewerbeflächen. Diese wurden laut einer Vertreterin der Abteilung für Landwirtschaft, Baurecht und Naturschutz des Landratsamts, auf bestem landwirtschaftlichem Boden ausgewiesen.

Cine Latino

Das Festival für Filme aus Lateinamerika geht im April in seine 19. Runde. Das Schwerpunktland ist dieses Mal Paraguay. Wegen der Militärdiktatur hat sich dort erst in den letzten Jahren eine kleine Kinoszene entwickelt. Aus Paraguay kommt der Regisseur Enrique Collar mit seinem Film „Novena“ zum Cine Latino. Der Eröffnungsfilm erzählt die tragische Lebensgeschichte der chilenischen Sängerin Violeta Parra. Festivalleiter Paulo de Cavalho ist mittlerweile nur noch für die Filmauswahl zuständig. Die Organisation vor Ort liegt jetzt in der Hand dreier Frauen: Irene Jung, Kathrin Franz und Pola Hahn. Die Wüste Welle ist beim Cine Latino doppelt vertreten: Mit einer Liveübertragung von der Eröffnung aus dem Kino Museum und als Veranstalter der offiziellen Festivalparty am 14. April im Epplehaus mit Cumbia Dub Club versus Onda Tropical.

Copyright aus der Ritterzeit?

Mit Schwert und in Ritterrüstung kämpft Frank Christoph Schnitzler gegen kleinkarierte Bürokraten des Reutlinger Landkreises. In seiner 34seitigen Bürgeransprache bietet der selbsternannte Achalmritter der Obrigkeit die Stirn. Nicht nur wurden ihm und seinen Ritterkumpels vom Landratsamt verwehrt, eine Tür am Achalmer Bergfried schöner anzupinseln. Das Amt verbot den tapferen Schwertschwingern zudem, das Landkreiswappen in ihr Vereinslogo zu integrieren. In ritterlicher Manier zogen die Mannen erhobenen Hauptes in den Papierkrieg mit dem Landkreis – und drehten die Lanze rum. Der Landkreis habe einen „Kardinalsfehler in der Heraldik“ begangen, der deutschlandweit einzigartig sei. Begründung: Reutlingen übernahm – ohne Abwandlungen vorzunehmen – das Familienwappen der Grafen von Achalm. Da diese Familie aber nicht mehr existiert, kann sich auch niemand auf ein Urheberrecht berufen. Also kein Copyright auf dem Reutlinger Wappen!