Nachrichten vom 23.07.10

Blind gespart

Die Schulsprechstunde für Sehbehinderte an der Tübinger Augenklinik musste aus Kostengründen schließen. Die Heidehofstiftung stellte die übergangsweise Förderung ein Das Kultusministerium verweigert die institutionelle Förderung, da die Sprechstunde eine medizinische Leistung sei und damit die Krankenkassen zuständig seien. Diese sprechen von einer primär pädagogischen Maßnahme und reichen die Verantwortung weiter. Das Modell der Sprechstunde für Sehbehinderte basierte auf einer Beratung in drei Stufen: am Anfang stand eine augenärztliche Untersuchung, dann die pädagogische Beratung, bei der Behandlungs- und Hilfsmaßnahmen beschlossen wurden. Im dritten Schritt klärten Eltern, Kinder, Ärzte und Pädagogen alle medizinischen und pädagogischen Fragen. Die interdisziplinäre Beratung hieß oft optimale Hilfe für Kinder mit Behinderung und half teure Fehlverordnungen zu vermeiden Damit ist jetzt Schluss. Doch noch besteht Hoffnung für das bewährte Projekt. Die Leiterin der Beratungsstelle möchte die Verantwortlichen des Kultusministeriums und der Krankenkassen mit betroffenen Eltern und Kindern zu einem Treffen einladen. Es geht um einen betrag von unter 50 000 Euro im Jahr.

Moderne Medizin

In den Tübinger Kliniken wird ab jetzt nicht mehr nur medizinische Grundlagenforschung und Anwendung am Patienten betrieben. Neuerdings können auch Arztneimittel hergestellt werden. Möglich macht es das neu eröffnete „GMP“. Ein Labor auf dem Schnarrenberg, das die strengen gesetzlichen Anforderungen zur Arztneimittelherstellung erfüllt. Im Fokus des neuen Labors stehen vor allem individualisierte Arztneimittel gegen Krebs, die auf jeden Patienten einzeln zugeschnitten sind. Dank des verschärften Arztneimittelgesetz von 2004 war das für die Pharmakonzerne bisher ein äußerst teures Unterfangen. Für kleiner angelegte Studien lohnte es sich kaum ein Medikament zu entwickeln. Dank des GMP können die Pharmakonzerne jetzt erst einmal umgangen werden. Weiterhin soll das Labor für die Forschung in den Bereichen Stammzellen-Transplantation und Regenerationsmedizin genutzt werden. Vielleicht kann am Ende sogar die ein oder andere Substanz aus dem Labor für viel Geld an die Pharmaindustrie verkauft werden.

Herz-OP zum Zugucken?

Kardiologen vom Tübinger Uni-Klinikum haben erstmals einem Patienten eine Herzklappe unter rein lokaler Betäubung eingesetzt. Die Prozedur wurde so im Land das erste Mal erfolgreich ausgeführt. Die OP ist besonders für Patienten geeignet, für die eine Vollnarkose besonders gefährlich ist, wie Menschen mit zahlreichen Begleiterkrankungen oder sehr alte Menschen. Zugucken wird für die Patienten allerdings trotzdem schwierig werden, allein aufgrund des Sichtwinkels: Die Herzklappe wird bei dieser Operation über einen Schnitt an der Leiste eingeführt.

Maßgeschneidert

Als bedeutender Schritt auf dem Weg zur Medizin der Zukunft wurde am vergangenen Montag die Eröffnung des GMP-Zentrums auf dem Schnarrenberg gefeiert. GMP steht für “Good Manufacturing Practice”. Als einzige Klinik weltweit kann die Tübinger Uniklinik in dem Zentrum in Zukunft für Patienten maßgeschneiderte Krebs-Medikamente herstellen. GMP wird in Medizinerkreisen als neue Denkart der Schulmedizin bezeichnet. Mit den hergestellten Medikamenten soll unter anderem in Zukunft auch die gezielte Krebsvorsorge möglich werden.

Das Beste Haus am Platze

Die Martin-Bonhöffer-Häuser haben jetzt ihren neuen Hauptsitz im ehemaligen Stadtsanierungsamt am Lorettoplatz bezogen. Rund eineinhalb Millionen kostete den Tübinger Jugendhilfeträger Kauf und Umbau des Gebäudes. Aus Platzgründen war der Umzug nötig. Jetzt residieren am Lorettoplatz auf drei Stockwerken Verwaltung und Kindergruppe der Bonhöffer-Häuser. Die nicht-konfessionelle Einrichtung gehört zu den großen freien Trägern der Jugendhilfe im Kreis Tübingen. 100 Mitarbeiter begleiten Kinder und Jugendliche bei familiären Problemen. Die Bonhöffer-Häuser betreuen fünf Wohngruppen und bieten Hilfe in allen Lebenslagen.

Dicke Luft

Trotz Feinstaubverordnung und Umweltzonen herrscht in Reutlingen noch immer dicke Luft durch Feinstaub und Stickoxide. Der zulässige Höchstwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft wurde dieses Jahr bereits 61 Mal überschritten. Bei den Stickoxiden sieht es nicht besser aus. Daher fordert WiR-Stadtrat Jürgen Straub Ob Barbara Bosch auf endlich Maßnahmen einzuleiten, um die Luftverschmutzung in Reutlingen in den Griff zu bekommen. Er schlägt vor, die Ausnahmeregelungen für Fahrzeuge, die nicht dem Standard entsprechen, zu reduzieren. Die Ampelschaltung so zu organisieren, dass der Verkehr schneller fließt und die Abgasschleudern Baustellenfahrzeuge besser zu regulieren.

Harmlose Wasserpest

Im K.furter Baggersee verunsichern zur Zeit Schlingpflanzen die Badegäste. Die Schlingpflanzen binden die vorhandenen Nährstoffe im Wasser und breiten sich aus. Dreimal so viele Wasserpflanzen wie im vergangenen Jahr sind in diesem Sommer im See. Badegäste können aber beruhigt in den Baggersee steigen. Denn bei den Pflanzen handelt es sich um die harmlose Wasserpest. Die Gefahr, dass der See wegen der Hitze kippt, besteht inzwischen nicht mehr. Der Pressesprecher des Landratsamts erklärte, dass sich das Wasser über das Wochenende auf 26 Grad abgekühlt hat. Das Gesundheitsamt hat aus dem See mikrobiologische Proben gezogen. Mit dem Ergebnis wird Ende der Woche gerechnet.

Immer noch was im Keller

Tübingen tut sich offenbar immer noch schwer mit seiner braunen Vergangenheit. Vergangene Woche veröffentlichte das Stadtmuseum eine Suchmeldung: man suche den Besitzer einer Tora-Scheibe ungeklärter Herkunft. Der evangelische Theologe Otto Michel habe sie dem Museum vermacht, aber das Objekt habe keinen Tübingen-Bezug. Jetzt meldete sich diejenige zu Wort, auf deren Initiative die Tora-Scheibe aus dem Keller geholt wurde. Die Tübinger Ägyptologin Adelheid Schlott erfuhr im Zuge ihrer Recherchen von einigen geretteten Objekten aus der in der „Reichskristallnacht“ abgefackelten Tübinger Synagoge. Die Spur führte zu Otto Michels, dessen Tochter bezeugte, daß die Gegenstände tatsächlich aus der Tübinger Synbagoge stammten, eben jene Gegenstände, die nach seinem Tod dem Stadtmuseum übergeben wurde. Ein Tuch und besagte Tora-Scheibe. Seltsam, daß sich nun kein Tübingen-Bezug mehr herstellen läßt…

Braune Kirche

Wie wir wissen, tut sich die Kirche, besonders die katholische, schwer mit Ihren geweihten Sündern. Doch nicht nur die Mißbrauchsfälle, auch die braune Vergangenheit lastet schwer. Der Stadtrat Albert Bodenmiller bittet den Bischof Gebhardt Fürst nun in einem offenen Brief, man möge sich endlich von dem Theologen Karl Adam distanzieren. Der selbst von Benedict gepriesene Dogmatiker hatte Hitler als messianische Gestalt gefeiert, eine nationale Kirche gefordert und zwischen schädlichen Vollblutjuden und arisierten galiläischen Juden, zu denen auch Christus gehört habe, unterschieden. Nach dem Krieg stilisierte er sich zum Opfer und behielt seinen Dogmatik-Lehrstuhl. Auch in Tübingen gibt es noch immer eine Karl-Adam-Straße. Wen wunderts…

Im Regen gelauscht

Selbst die Marktplatzanwohner klatschten an ihren geöffneten Fenstern. Mit einem hochkarätigen Aufgebot an Musikern übertraf das 1. Tübinger Singer-Songwriter-Festival „Tübingen lauscht“ alle Erwartungen und hielt alle Zusagen ein. Der Klang sprengte nicht den Rahmen der Dezibel-Grenze und gegen 22 Uhr war mit „Enjoy the Silenced“ Schluss. Es hätte ein rundum geglücktes Experiment werden können – wenn da nicht das Lauschen durch ein gar nicht lauschiges Rauschen gestört worden wäre. Die Regenflut bescherte dem Veranstalter eine Ebbe in der Kasse. 2000 Zuschauer wären nötig gewesen – 1200 waren gekommen. Ca. 20 000 € Verlust hat er gemacht – aber gerade deshalb wird er es nächstes Jahr noch einmal wagen.

Humanes Tübingen

Mit einer Stadtführung zum Thema “Melanchthon und der Tübinger Humanismus” eröffnete der Städtische Fachbereich Kultur erneut die beliebte Stadtführungsreihe “Kennen Sie Tübingen?”. Rund 100 Geschichtsinteressierte versammelten sich am Montag vor der Burse, um mehr über die sechs Jahre zu erfahren, die Philipp Melanchthon in Tübingen lebte. Viel zu erfahren gab es auch über die Zeitgeschichte des schmalen Karrees zwischen Münz- und Bursagasse, das “Quartier Latin”. Beim nächsten “Kennen Sie Tübingen?” am kommenden Montag, dem 26.7. wird der Theologe und Kulturwissenschaftler Kuschel über die schwäbische Romantik in Tübingen informieren. Treffpunkt 17 Uhr an der Burse.

Zu Gast im Knast

Die Woche der Justiz endete mit einem Tag der offenen Tür in der Justizvollzugsanstalt Rottenburg und seiner Außenstelle, dem Untersuchungsgefängnis im Tübinger Gerichtsgebäude. Kontakt zu den Gefangenen stand allerdings nicht auf dem Programm. Der Hofgang war sogar extra verlegt worden. Die Besucher bekamen Einblicke in das triste Leben hinter Gittern. Viele Gefangenen haben wegen Überbelegung nur jeden zweiten Tag Aufschluss, das heißt gemeinsame Freizeit mit den anderen Gefangenen. In zwei-Mann-Zellen ist die Toilette gesetzeswidrig im selben Raum – die Knackis müssen ihr Einverständnis mit diesen Zuständen unterschreiben. In Rottenburg gibt es keine Sporthalle und die beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Die JVA bietet nur den Hauptschulabschluss, den Staplerfahrer oder den Beikoch an. Dafür herrscht Arbeitszwang im Knast – für die meist stupide Arbeit bekommen die Gefangenen im besten Fall noch weniger als zwei Euro pro Stunde. Im Untersuchungsgefängnis sind die Gefangenen 23 Stunden pro Tag weggeschlossen. Die Besuchszeit beträgt eine einzige Stunde im Monat, verteilt auf zwei Mal eine halbe Stunde.