Nachrichten vom 19.07.10

Ein schlagloses Herz

Die Zahl Unfall-Toten geht zurück. Das gibt Rückenwind für ein verbessertes Kunstherz-System. 24 Stunden pumpt es mit 7 800 Umdrehungen pro Minute Blut durch den Körper, spätestens dann muß der Akku aufgeladen werden. Wenn sie ganz still ist, hört die erste Tübinger Kunstherzpatientin die Turbine leise surren. Die Steuereinheit hat sie in ihrer Handtasche, ein Kabel in ihrer Bauchdecke hält die Verbindung. Nach einem Herzinfarkt hätte die 69-Jährigen nur noch wenige Wochen zu leben gehabt. Auch in Heidelberg und Freiburg werden diese Kunstherzen eingesetzt, dort gibt es Patienten, die bereits seit 8 Jahren damit leben. Vor allem älteren Patienten, die zu schwach sind für eine Organtransplantation, kann damit geholfen werden. 90 000 € kostet ein Kunstherz – die Uniklinik hat inzwischen die Zusage der Krankenkassen für 20 weitere Implantationen.

Neues Wohnprojekt

In Tübingen hat sich der neue Verein „4-Häuser-Projekt“ gegründet. Er möchte vier Häusern in der Hechinger- und der Authenriethstraße kaufen und dort ein Wohnprojekt nach dem Modell des Mietshäuser-Syndikats aufbauen. Noch gehören die Häuser der Landesbank Baden-Württemberg, die lieber an einen Großinvestor verkaufen möchte. Das 4-Häuser-Projekt sucht für ihre Initiative noch Interessenten, die Lust auf Selbstverwaltung in der Südstadt haben.

Neues Radioprojekt

Radio TuVilla heißt das neue interkontinentale Radioprojekt der Wüsten Welle. Jugendliche aus Tübingen und Villa El Salvador berichten aus ihrer Perspektive über die Lebensrealität in ihren Städten. In den zweisprachigen Sendungen werden Beiträge auf spanisch und deutsch zu hören sein. Radio TuVilla möchte den Austausch zwischen den Partnerstädten fördern und in der Öffentlichkeit dafür Interesse wecken. Seit 2006 besteht die offizielle Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Villa El Salvador in Peru. Das Kooperationsprojekt des Freien Radios mit dem Kulturamt der Stadt Tübingen öffnet nun ein Fenster im Äther. Die Premierensendung läuft am Donnerstag, den 22. Juli um 18 Uhr.

Neue Partner

Auf die Suche nach einer Partnerstadt in der Türkei hat sich Rottenburg begeben. Am Dienstag hieß der Sozialausschuss des Gemeinderats das Projekt einstimmig gut und beauftragte das Kulturamt, daran weiterzuarbeiten. Derzeit leben über 1200 Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft in der Großen Kreisstadt, das sind rund 3 Prozent ihrer Einwohnerschaft.

Interkulturelle Helfer

Auf das Thema Integration von Migranten gibt es viele Perspektiven. Eine ganz neue haben jetzt Studenten des Ludwig Uhland Instituts untersucht. Migranten in Hilfsorganisationen, wie dem Roten Kreuz oder der Freiwilligen Feuerwehr. Drei Prozent der Deutschen und leider nur ein Prozent der Migranten engagieren sich in solch einer Institution. Dabei kann eine solche Tätigkeit die Integration fördern und auch den Einheimischen bringen die zusätzlichen Freiwilligen nur Vorteile. Die Studierenden haben einige Gründe für die geringe Beteiligung gefunden. Beispielsweise die vielen christlichen Symbole und Referenzen, wie im Wahlspruch der Feuerwehr. Den könne man aber auch in „Zu Gott und Allah zur Ehr“ umändern, sinnieren einige Offizielle. Weiterhin ist die ehrenamtliche Arbeit oft im Freundeskreis der jungen Migranten nicht anerkannt. Daher will man jetzt verstärkt Kontakt zu den Jugendlichen und auch den Imamen, den Familienoberhäuptern, aufnehmen und sie für Hilfsorganisationen begeistern.

Durchs Kaleidoskop

Reutlingen blickte durch ein Kaleidoskop. 2009 beschloss die Stadt, ein Mikroprojekt unter der Leitung von Hanna Smitmans vom Kulturzentrum franz K. zu fördern. Mit großem Erfolg. Hanna Smitmans brachte Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern zusammen, um Märchen in ihrer Heimatsprache und auf Deutsch vorzutragen. Daraus wurden festliche Begegnungen mit Essen, Tanz und Musik. Jugendliche aus der Tübinger Vorstadt gestalteten Bilder und Collagen zu den Erzählungen und der Theaterregisseur Mario Keipert erarbeitete mit den Jugendlichen eine Audio-CD. Die Bilder sind bis zum 28. August in der Stadtbücherei Reutlingen zu bestaunen. Hier und in der Buchhandlung Osiander gibt es auch die CD zusammen mit dem Buch mit den illustrierten Geschichten zu einem Unkostenbeitrag von fünf Euro.

Wanderausstellung gegen rechts

Schüler und Schülerinnen des Reutlinger Isolde-Kurz-Gymnasiums haben die Austellung “Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen” an ihre Schule geholt. Die Ausstellung verfolge zwei Ziele: Zum einen soll Aufklärung geleistet werden, zum anderen wird gezeigt, wie Engagement gegen “menschenverachtende Einstellungen” aussehen kann. Auf 16 großen Schautafeln informiert die Ausstellung über Rechtsextremismus mit besonderm Augenmerk auf regionale Entwicklungen. Rechtsextremismus wird dabei nicht als Randphänomen verstanden, sondern sei “bis tief in die Mitte der Gesellschaft verwurzelt”, heißt es im Begleittext der Ausstellung, die noch bis zum 26. Juli täglich von 7 bis 18 Uhr im IKG, Bismarckstraße 55, zu sehen ist.

Braune Universität

Der Tübinger Universität kann niemand nachsagen, sie würde sich um das schlimmste Kapitel ihrer Geschichte nicht kümmern. Als eine der ersten Unis in der Republik begann sie bereits 1964/65 mit einer Vorlesungsreihe zur NS-Zeit. Jetzt legt die Tübinger Uni einen Sammelband vor, der viele neue Details und Perspektiven offen legt. Der Befund ist eindeutig: Das Gedankengut der Nazis fiel in Tübingen auf fruchtbaren Boden. Ein besonderer Schwerpunkt sei die universitäre “Judenforschung” gewesen. Sie habe an eine lange Tradition christlich motivierter Judenfeindschaft angeknüpft. Für die Tübinger Universität gab es keine Stunde Null. Auch das wird in den Aufsätzen deutlich. Der Geist von 1933 wehte schon lange vor der Machtergreifung in der Alma Mater. Das Buch soll auch in der Zukunft weitere Forschungen provozieren.

Raus mit der Sprache

Äpfel und Birnen im Vergleich erntete die Zuschauer-Jury als Ertrag eines Jahres des Poetry-Slam-Projekts „Raus mit der Sprache“. An acht Schulen weckten Harald Kienzler, Jakob Nacken und Helge Thun die Kreativität der Heranwachsenden. Vergangene Woche gab es dazu im Sudhaus den finalen Poetry-Slam. Quer durch alle Genres und darüber hinaus reichten die Beiträge der Besten aus den 9. bis 13.Klassen, vom Gangster-Rap über gesellschaftskritische Prosa bis zum lautmalerischen Experiment und von der Einzeldarbietung bis zum Duett. Die Siegerin wird an einem deutschlandweiten Wettbewerb teilnehmen.

Theatersport im Knast

Es war die Woche der Justiz. Im Rottenburger Gefängnis wurde diese mit einem Improvisationstheater von Gefangenen für Publikum von draußen begangen. Das Theaterprojekt läuft bereits seit September, als die Insassen einen Trommelkurs bei Emmanuel Wolfram mitgemacht hatten. Seit Oktober unterrichtet sie Schauspielerin Anette Burchard vom Theatersport des LTT. Und sie sieht Potential in der Gruppe, die sich bezeichnend „Schloss und Riegel“ nennt. Ihr zufolge haben manche „Super-Fressen“, die man in Film und Fernsehen erst einmal suchen müsse. Der Theatersport lenkt die Insassen nicht nur von ihrer derzeitigen Situation hinter Gittern ab, sondern bereitet sie außerdem sehr gut auf die Zeit nach der Freilassung vor und eröffnet neue Perspektiven. Fair Play, Zuhören und Teamarbeit sind wichtige Pfeiler des Impro-Theaters und des Arbeitslebens zugleich.

Seltene Rennen

Nachts und sonntags wird es bei Veranstaltungen im Gomaringer Bikepark lauter als die “Freizeitlärmlichtlinie” vorschreibt. Weil aber Groß-Events selten sind, ist dies erlaubt. Zu dem Schluss kommt ein ergänzendes Lärm-Gutachten. Nach den Aussagen der Gutachter sind die Wete werktags zwischen 8 und 22 Uhr eingehalten. Dagegen kann der Radfahrerverein die anderen Anforderungen der Freizeitlärmrichtlinie nicht einhalten. Weder werktags in der Nacht zwischen 22 und 6 Uhr noch sonntags zwischen 9 und 22 Uhr sind die schalltechnischen Vorgaben erfüllt. Allerdings sind die Immisionsrichtwerte für “seltene Ereignisse”, also für höchstens zehn Tage im Jahr, erfüllt. Damit wären die zwei vom Verein geplanten Veranstaltungen pro Jahr möglich.

Mythos Sicherheit

Im Rahmen der Reutlinger „Woche der Justiz“ hat sich der Tübinger Sozialpädagoge Prof. Hans Thiersch in einem Vortrag das grassierende Sicherheitsdenken vorgeknüpft. Die Ursachen für das angstgesteuerte überzogene Sicherheitsdenken von Politik und Massenmedien sieht er in einem verhärteten gesellschaftlichen Klima. Das grundsätzliche Bedürfnis nach Sicherheit sei zwar legitim, so Thiersch. Doch das sich immer weiter verbreitende Gefühl von Unsicherheit und Bedrohungen habe laut der Kriminalstatistik keinen realistischen Grund. Der populistische Ruf nach härteren Strafen und mehr Disziplin verfehle die soziale Realität. Besonders Jugendliche gerieten unter einen bevölkerungsweiten Generalverdacht. Das Jugendamt verkomme so zu einem Wächteramt. Die Ursachen für diese Entwicklung sieht der Wissenschaftler in den um sich greifenden Zukunftsängsten. Perspektiven seien ungewiss, traditionelle Lebensmuster brächen weg. Das wecke Ängste vor dem sozialen Abstieg. Historisch sei eindeutig nachweisbar, wie sich die Härte der Strafen und das Bedürfnis nach Sicherheit an gesellschaftlichen und sozialen Konditionen orientieren.