Rausschmiss
Alle Mieter des Gebäudes Planie 22a in Reutlingen müssen ausziehen. Das Amt für Gebäudemanagement verschickte jetzt die Kündigungen. Dieses Schreiben sorgte für massive Kritik an der Vorgehensweise der Stadt. Zahlungskräftige Mieter seien vergrault worden, Leerstand sei in Kauf genommen worden, so die Initiative lebenswerte Oststadt. Die versprochenen Informationen habe es nie gegeben, genauso wenig ein Konzept für die Zeit nach der Entmietung. Die jetzigen zum Teil langjährigen Mieter sollen jedenfalls nicht mehr in die ehemalige Heinzelmann-Fabrik einziehen. Momentan arbeitet eine Architektengemeinschaft an einem Nutzungskonzept. Die städtische Sanierung bringt eine neue Heizanlage, verbesserten Brandschutz und neue Fluchtwege. Die Initiative lebenswerte Oststadt will ihrerseits ein Konzept vorlegen, das auf ein Mindestmaß an Sanierung setzt und den bewährten Branchen-Mix vorsieht.
Demos und Vorlesungen
Die Besetzung des Tübinger Kupferbaus geht ungebremst weiter. Während die Medien mittlerweile täglich mit großen Aufmachern über die Studentenproteste berichten und sich immer mehr Personen und Gruppen mit den Studierenden solidarisieren, geben staatliche Stellen allerortens ein trauriges Bild ab. Die Tübinger Studierenden kritisieren das Vorgehen der Polizei bei der landesweiten Bildungsdemo in Stuttgart am vergangenen Samstag mit deutlichen Worten. Mehrere Tübinger Demonstrierende waren bei der Demo durch Tritte, Schlagstöcke und reichlichen Einsatz von Pfefferspray verletzt worden und einige mussten gar in Kliniken behandelt werden. Die Studierenden erklärten, die Gewalt sei von den Ordnungskräften ausgegangen und nicht provoziert worden. Die Behauptung der Polizei, es seien Knallkörper geworfen worden, stritten die Demontranten vehement ab. Nachdem der Demonstrationsleiter die Demo bereits beendet hatte, kesselten die Polizisten eine große Menge Demonstranten auf brutale Weise ein. Dabei seien auch Passanten und Kinder involviert worden und im Kessel gelandet. Im Tübinger Kupferbau lässt man die Studierenden dagegen seit der Wiederbesetzung in Ruhe. Die inhaltliche Arbeit ist fortgeschritten und sowohl dem Rektorat der Uni als auch der baden-württembergischen Landesregierung sind offzielle Forderungskataloge übergeben worden. DIe landesweiten Forderungen wurden mit den Besetzern an den anderen besetzten Unis Baden-Württembergs abgestimmt. In Tübingen solidarisieren sich zwischenzeitlich eine bedeutende Anzahl Lehrender mit den Studierenden. Viele nehmen an einer von den Besetzern organisierten 72-Stunden-Vorlesung teil. In Stundenschritten halten 72 verschiedene Personen, darunter viele Dozenten und Dozentinnen der Uni Tübingen, Vorträge zu verschiedensten Themen. Die Marathonvorlesung, die unter dem Motto “Endlich wieder gute Lehre” stattfindet, startete am vergangenen Mittwoch um 18 Uhr und findet noch bis in die Nacht von Samstag auf Sonntag im Hörsaal 21 des besetzten Kupferbaus statt. Weitere Informationen und ein “Vorlesungsverzeichnis” gibt es auf der Internetseite der Besetzer unter www.tuebingenbrennt.de
Herta Müller in Tübingen
Und auf einmal war sie berühmt: Herta Müller las am Montag aus ihrem neuen Roman „ Atemschaukel“. Zuerst sollte sie in den oberen Museumssälen lesen, was aber nach dem Erhalten des Literaturnobelpreises unmöglich wurde. Somit wurde die Lesung in den Festsall verlegt. Auch hier das gleiche Bild: ausverkauft. Aber nicht nur dieser, sondern auch das Audimax, wohin die Lesung live übertragen wurde. Das Buch beschreibt die Erfahrungen von Leopold Auberg in einem Lager für russische Zwangsarbeiter. Eigentlich sollte der Roman ein Gemeinschaftsprojekt werden. Zusammen mit Oskar Pastior begann die Aufarbeitung seiner Erfahrungen. Nach dessen Tod 2006 wagte Müller sich zuerst nicht an die Aufzeichnungen, „sie sind doch so intim“. Letztendlich vollendete sie das Werk zu seinen Ehren, was offensichtlich die richtige Entscheidung war.
Für einen guten Zweck
Seit Anfang der Woche bietet Rottenburg straffällig gewordenen jungen Menschen neue Möglichkeiten: Die vom Gericht auferlegten Arbeitsstunden können die meist 18-27-jährigen nun auch in sozialen Projekten abarbeiten. Bisher waren sie eher zu Reinigungsarbeiten und ähnlichem herangezogen worden. Die Projektverantwortlichen sehen in den neuen Möglichkeiten, sich für eine soziale Arbeit zu entscheiden, eine echte Chance für die jungen Menschen. Sie können etwas tun, das sie unter Umständen selber als sinnvoll erachten und die Arbeitsstunden werden so nicht “verschwendet”. Die jungen Menschen arbeiten in Altersheimen oder besuchen kranke oder alte Menschen zu Hause. Eine weitere Besonderheit: Während der Einsätze sind sie nie alleine, sondern werden selber durchgängig betreut. So haben sie die Chance, ihr Engagement zu reflektieren und dabei dazuzulernen. Die Projektverantwortlichen hoffen, dass viele nicht nur ihre Strafe abarbeiten werden, sondern zusätzlich ein Interesse für soziales Engagement gewinnen.
Bellen bei Unterzucker
Am Samstagnachmittag lud der Förderverein für Kinder und Jugendliche mit Diabetes, Erkrankte in die Kneipe „Zum Preußischen“ in Rottenburg ein, wo man im Besonderen über die erst seit zwei Jahren bestehende Möglichkeit, Hunde zu Diabetikerwarnhunden ausbilden zu lassen, aufgeklärt wurde. Die Tierpsychologin Maja Wonisch bildet solche Hunde, in ihrem eigenen Hundezentrum „Catu“, aus. Diabetikerwarnhunde zählen zu der Rubrik Behindertenbegleithund und dürfen somit auch in öffentliche Einrichtungen, wie ins Freibad, die Bahn oder irgendwelche Geschäfte, mitgenommen werden. „Eltern mit Diabetikerkindern nimmt der Hund ein bisschen die Sorge ab, wenn sie ein paar Stunden aus dem Haus sind, weil ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann“, so Wonisch. „Hat ein Diabetiker Unterzucker, entsteht ein Ammoniak-Duft, und Hunde riechen das“, erklärt die Hundetrainerin. Ziel ist es, dass der Hund sein Herrchen, rechtzeitig bevor der Blutzuckerspiegel in Keller rauscht, warnt und auf Befehl Telefon oder Notfalltasche bringt. Zusätzlich wird dem Vierbeiner beigebracht, in dringenden Notfällen einen Alarmknopf des Malteser Hilfsdienstes zu drücken, der die Nachbarn oder den Hilfsdienst direkt alarmiert. Außerdem sollen Missverständnisse, wie die falsche Annahme mancher Notärzte bei Zuckerpatienten, wegen des Ammoniak Geruchs, sie haben Alkohol getrunken, in Zukunft vermieden werden.
Casa Kitana
Die Kindertagesstätte Casa Kitana ist jetzt offiziell eröffnet. Im Erdgeschoss des Wohnprojekts in der Hegelstraße 7 werden etwa 30 Kinder betreut. In verschiedenen Themenräumen können die Kinder basteln, tanzen oder Theater spielen. Der Umbau und die Sanierung nach ökologischen Standards meisterte der Trägerverein mit viel Eigenleistung. Die Finanzierung lief in Zusammenarbeit mit dem Mietshäusersyndikat und Direktkrediten. Über der Casa Kitana leben 19 Erwachsene und 5 Kinder im Wohnprojekt Hegelstraße zusammen. Doch nicht nur die Wohnform, auch die Fassade ist inzwischen bunt: orange, rot und grün leuchten die Farbflächen und sind weithin sichtbar.
Baggern am See
100 000 € Fördermittel stellte das Land in Aussicht, wenn die Umgestaltung 2009 beginnt. Ein unschlagbares Argument für den lang diskutierten Umbau des Hirschauer Baggersees, für den der Gemeinderat jetzt endgültig grünes Licht gab. Da wundert sich doch manche Bürgerin über die gesellschaftlichen Prioritäten für die Verfügbarkeit von staatlichen Mitteln…
Friedensmetropole
In der „Friedensstadt-Woche“ Ende Juni haben sich rund 30 Organisationen dem Projekt „Friedensstadt“ angeschlossen, inzwischen sind es bereits über 50. Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft „Kultur des Friedens“, möchte das Vorhaben zu einem festen Bestandteil in Tübingen machen. Darüber hinaus wird er für 2010 Fördergelder in Höhe von 5000€ beantragen. Außerdem ist eine Kooperation mit diversen Schulen in Tübingen geplant. „Die Schülerinnen und Schüler sollen sich im Rahmen von Projekttagen eigene Gedanken zum Thema Frieden machen“, so Zierock. Geplant ist außerdem, die Solidaritätspartnerschaften mit Friedensgemeinden, wie beispielsweiße Kolumbien, zu vertiefen. Zudem zeigte, der bangladeschische Wissenschaftler und Gründer der Mikrokredite vergebenden Grameen Banken, Muhammad Yunus, kürzlich beim Treffen der Friedensnobelpreisträger in Berlin, großes Interesse für Zierocks Projekt.
Unbeeindruckt
Nur spärlich sind die Leute beim Begegnungstag am Freitagabend in Kusterdingen der Einladung des Jugendreferenten, Swen Idahl, gefolgt. Lediglich vier Jugendliche und ein paar Erwachsene sind zu der zweistündigen Gesprächsrunde im Bürgerhaus erschienen. „Wir sind eine Kinder- und jugendfreundliche Gemeinde“, erklärt Bürgermeister Jürgen Soltau gleich zu Beginn des Treffens und weist auf die Ganztagsbetreuung der August-Lämmle- und der Härtenschule hin. Die Meinung der anwesenden Jugendlichen hingegen hört sich anders an. „Hier in Kusterdingen gibt es für uns nur den Jugendclub, aber da sind wir nicht immer“, so äußert sich der 14-jährige Guiseppe gegenüber dem TAGBLATT. „Wir hängen deshalb oft in der Ortsmitte beim Döner-Laden ab.“ Das jedoch führt häufig zu Problemen mit den Anwohnern. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die Jugendlichen sollen einen Bauwagen im Gewerbegebiet Löhlen bekommen, den sie selber renovieren dürfen. Im Mittelpunkt des Abends steht für Swen Idahl jedoch der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen. „Statistisch waren in den letzten 30 Tagen 20,4% der zwölf- bis 17-jährigen mindestens einmal betrunken“, liest Hintermair aus dem Drogenbericht der Bundesregierung vor. Auch die Zahl der Notaufnahmen in den Spitalen, betrunkener Jugendlicher, ist gestiegen. Diesem Trend entgegenwirken sollen die Jugendreferenten der Gemeinden vor allem mit Anschauungsmaterial. Zudem wurden Brillen angeschafft, die es einem auch in nüchternem Zustand ermöglichen sollen, den Vollrausch zu erleben. Diese durften die anwesenden Teenager zugleich mal testen, zeigten sich jedoch völlig unbeeindruckt. „Wenn wir im Sommer grillen, dann gehören ein bis zwei Bier einfach dazu“, meint Giacomo.
Gewalt kommt nicht in die Tüte
Am Mittwoch dem 25.11.09 war der internationale Tag „Gegen Gewalt an Frauen“. Terre de Femmes initiierte dazu 2001 eine Fahnenaktion. 2008 wurden bereits mehr als 5000 Fahnen in über 850 Städten und Gemeinden gehisst, davon einige im Ausland. Flagge zeigten an diesem Mittwoch auch Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und Irene Köpf vom Frauenhaus Reutlingen Die “frei leben – ohne gewalt” – Fahne wehte zum siebten Mal vor dem Reutlinger Rathaus. Außerdem war auf über 600 Tüten der Reutlinger Bäckereien Berger und Wucherer die Parole „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ zu lesen.
Kurzer Zivi
Die Zivi-Zeit soll auf 6 Monate verkürzt werden. Hierdurch entstehen nicht nur Engpässe für die Einrichtungen die mit Zivis arbeiten. Auch für die Zivis selber ergibt sich ein Problem: Es tut sich eine große Lücke zwischen Zivi-Zeit und dem Beginn des Studiums oder der Ausbildung, auf. Außerdem müssen häufiger neue Leute eingelernt werden, was auch einen finanziellen Mehraufwand bedeutet. Ein Vorteil ergibt sich jedoch daraus: Diejenigen, die bereits ein Ausbildung abgeschlossen haben können ihre Arbeit schneller wieder aufnehmen.
Jungen bekommen mehr Aufmerksamkeit
In Rottenburg war am Mittwoch letzter Woche ein Vortrag der Gender-Forschering Katja Kansteiner-Schänzlin, im zweiten Städtischen Gymnasium zu hören. In den Schulen erhalten zwei Drittel der Aufmerksamkeit die Jungen, die Mädchen nur Ein Drittel. Auch bei der Themenauswahl würden laut Kansteiner-Schänzlin, die Jungen mehr berücksichtigt und trotzdem ist die Anzahl der Studierenden Frauen höher und die Rate der Sitzenbleiberinnen geringer als bei den Jungs. Die Forscherin plädiert für eine Sensibilisierung der Lehrer. Kenntnisse in der Gender-Forschung sind hierfür wichtig. Sie warnt aber davor alles unter einem Geschlechterspeziefischen Gesichtspunkt zu sehen, denn die charakterlichen Unterschiede innerhalb eines Geschlechts seien um einiges höher als die zwischen den Geschlechtern.
