Nachrichten vom 26.10.2009

Geldhahn vergessen

Man glaubt es kaum – das Landratsamt des Kreises Tübingen hat 312 000 € Behindertenhilfe pro Jahr in insgesamt zehn Fällen ausgezahlt, für die es gar nicht zuständig war – und das über Jahre hinweg. Damit beläuft sich die Summe inzwischen auf 1,4 Millionen. Die Chancen, das Geld zurück zu bekommen sind schlecht – hat Tübingen selbst sich doch bei Irrtümern in anderen Landkreisen stets auf die Rückforderungsklausel im Sozialgesetzbuch berufen: und die sieht eine Rückforderungsgrenze von einem Jahr vor. Hintergrund des Debakels ist die Auflösung des Landeswohlfahrtsverbandes im Jahr 2005. Seither muß der Landkreis, in dem ein Behinderter vor seinem Umzug in einer stationäre Einrichtung gewohnt hat, die Eingliederungshilfe für ihn bezahlen. Tübingen bekam damals ca. 700 Akten überreicht.

Da der Fehler beim aufgelösten Landeswohlfahrtsamt lag, ist die Schande gering, dafür aber Ehr und Preis groß für eine Person: das Team der neuen Leiterin des Rechnungsprüfungsamtes Gabriele Metzger entdeckte die Fehler. „Sie ist ein Glücksfall für den Kreis“, freute sich Tübingens erster Bürgermeister Michael Lucke. Mit 26,5 Millionen € ist die Eingliederungshilfe der größte Posten im Sozial-Etat des Kreises. Ab jetzt werden es 312 000 € weniger sein.

Campus-Alternative

Die Bürgerinitiative Universitätsviertel präsentierte jetzt ihre Pläne für einen neuen Campus. Die Einwände gegen die Zukunftsplanungen der Universität nehmen mehr und mehr zu. Vor allem der geplante massive Eingriff in die vorhandene Bausubstanz steht in der Kritik. Zentrale Forderungen sind ein schonender Umgang mit einem gewachsenen Viertel und mehr Transparenz. Anwohner, Architekten, Kunsthistoriker und Studierende fühlten sich von den Visionen der Universität ausgeschlossen. Darum gründeten sie eine Bürgerinitiative. Die bündelt Informationen und arbeitet an Alternativen. Die reichen Denkmalbestände sollen unangetastet bleiben. Das gilt auch für Clubhaus und Mensa Wilhelmstraße als Beispiel der Nachkriegsmoderne. Die Universität jedoch will einen Mensa-Neubau und diverse Abrisse für den Zentralcampus.

Mühlstein am Hals

Am Ende läuft Tübingen noch Schwäbisch Hall den Rang ab – im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler als Beispiel für Steuerverschwendung. Von großen Kommunikationsproblemen unter den vielen Beteiligten sprach der Tiefbau-Chef Albert Füger am letzten Montag im Gemeinderat. Aufgrund des Zeitdrucks wurden zehn externe Büros in die Mühlstrassenplanung miteinbezogen. Er war der einzige, der bei dem überfälligen Scherbengericht in Sachen Mühlstrasse Mängel eingestand, so der Kommentar von Sepp Wais im Schwäbischen Tagblatt. Von der Baubürgermeisterin Schreiber war, laut Sepp Wais, nur zu hören, daß sie gerade auch in dieser schwierigen Baustelle alles prima eingefädelt habe. Eingefädelt hat das ganze aber schlußendlich OB Boris Palmer, der letzten Herbst dafür sorgte, daß das Mühlstrassenprojekt kurzfristig beschlossen wurde. Auch die Vorgabe, die Fahrbahn nicht zu verbreitern, da die Busse bei Tempo 20 keine weiteren Zentimeter mehr bräuchten, kam von ihm. Ob nach den vielen Mehrkosten überhaupt noch Geld für den versprochenen Pracht-Boulevard bleibt, ist fraglich. Statt zum zentralen Schmuckstück einer Perlenkette von der Blauen Brücke bis zur Brunnenstrasse wird die Mühlstrasse für OB Palmer nun zusehends zu einem, nach eigenen Worten, „Mühlstein am Hals“. Ihn damit ihm Neckar zu versenken, damit drohten die Gemeinderäte zwar nicht, doch bleibt ihnen letztendlich nur, die ohnehin unerlässlichen Mittel nachträglich abzusegnen oder auch nicht.

Theater um Fabrik

Der Arbeitskreis Oststadt möchte aktiv in die Rahmenplan-Gestaltung für ihren Reutlinger Stadtteil eingreifen. Dazu haben sie jetzt eine Anwohnerbefragung in der Planie 22 durchgeführt. Thema waren die Pläne für eine Theaterfabrik und ein Theatercafe. Die Mehrzahl der Anwohner steht der Theaterarbeit positiv gegenüber. Aber eine Mehrheit fühlt sich auch über die neuen Pläne schlecht informiert. Die meisten befürchten mehr Verkehr und mehr Lärm, wenn der Ausbau zur Theaterfabrik samt Cafe mit Außenbewirtung käme. In der Planie 22 soll die Tonne ihre zweite Spielstätte mit bis zu 450 Plätzen bekommen. Der Arbeitskreis will sich jetzt der unsicheren Verkehrsplanung in der Oststadt widmen.

Explosives Kusterdingen

Spätestens seit der Mühlstrasse wissen wir, daß Strassenbauarbeiten ungeahnte Gefahren bergen. Und gleich vorab: Nein, ich war es nicht. Ich habe sie nicht gelegt, aus Rache für die nervigen Umleitungen, die Bombe, die in Kusterdingen am Baggerzahn hing. Sie stammte aus dem 2. Weltkrieg und war damals eigentlich Stuttgart zugedacht. In der Nacht vom 15. auf den 16. März verirrten sich im schlechten Wetter rund 100 britische Lancaster-Bomber. Innnerhalb von 13 Minuten hagelten 25 Tonnen Luftminen, Sprengbomben, Stabbrand- und Phosphorbomben auf Kusterdinger Gemeindegebiet. 144 Gebäude wurden zerstört. Da erscheint es geradezu als glücklicher Umstand, daß „nur“ drei Menschen ums Leben kamen. Die ausgebaggerte Bombe war gefährlich wie ehedem – es rauchte am Baggerzahn, für den Spezialisten Jürgen Göb war damit klar: eine Phosphorbombe. Ein wahrhaft gruseliger Fund, Phosphorbomben gehörten zu den perfidesten Waffen der beiden Kriege. Weißer Phosphor entzündet sich allein durch den Kontakt mit Luftsauerstoff und brennt dann mit einer 1.300 Grad heißen Flamme. Die dabei enstehenden Dämpfe sind hochgiftig. Phosphorfeuer haftet an der Haut und brennt bis zum Knochen durch. Jürgen Göb hatte die Befürchtung, es könnte sich um eine Phosphorgranate handen. Was der Zerlegefeuerwerker dann aber am Ortseingang von Kusterdingen barg, war eine aufgerissene 15 Kilo Bombe. Phosphorbomben wurden auch von den USA im Irakkrieg verwendet. 2009 setzte Israel Phosphorbomben in Gaza ein.

Vom braunen Hemd zur weißen Weste

Vom Umgang mit der Vergangenheit in Tübingen nach 1945. So heißt eine Veranstltungsreihe zur Erinnerungskultur in Tübingen, die von Oktober bis Juni 2010 dauert. Initiatoren sind der Arbeitskreis moderne Stadtgeschichte und die Geschichtswerkstatt in Kooperation mit dem Kulturamt und der Volkshochschule. Verschiedene Referenten informieren über die Tübinger Nachkriegsgeschichte vor dem Hintergrund von Traditionslinien und Kontinuität. Eine Schlüsselfigur ist dabei der NS-Diplomat Hans Gmelin, der nach dem Krieg als Tübinger Oberbürgermeister die Vergangenheitspolitik im Gemeinderat massiv geprägt hat. Gmelin steht für gelenkte Erinnerungsarbeit und verweigerte Vergangenheitsbewältigung. Die Nachwirkungen des NS-Regimes zeigen sich in der schnellen Renazifizierung vieler politischer Positionen. Die Adenauerzeit war nicht nur prüde, sondern auch braun. Ein Prototyp des permanenten Verdrängens und Vergessens war der Philosoph und Stadtrat Theodor Haering. Er vollzog den schnellen Wandel vom Propagandisten des Nationalsozialismus zum braven Biedermann. Der Fall Haering zeigt bei der Frage um die Zukunft des Haeringhauses, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirken kann. Zur Veranstaltungsreihe gehören auch eine Veröffentlichung zur NS-geschichte der Universität und eine Ausstellung zum rechtsextremen Tübinger Grabert-Verlag.

Internationale Jugendpolitik

Über den Tübinger und auch den Reutlinger Jugendgemeinderat hat das Freie Radio in der Vergangenheit ja schon ausführlich berichtet. Diese bieten eine Möglichkeit für Jugendliche, an der Kommunalpolitik teilzuhaben. Allerdings sind die Möglichkeiten relativ eingeschränkt. Da wundert man sich doch, dass eine russische Partnerstadt Tübingens ebenfalls ein Jugendparlament hat, wird doch den Russen nicht grade die größte Demokratieliebe nachgesagt. Doch dieses Gremium existiert tatsächlich in Petrosawodsk und es gibt einige Unterschiede zwischen den Jugendparlamenten. Und in dem Vergleich sieht Deutschland nicht immer besser aus. So sind die Jugendlichen in dem russischen Gremium deutlich älter als ihre deutschen Peers, nämlich zwischen 16 und 30 Jahre alt und auch der Auswahlprozess ist anders. Hier gibt es eine einfach Wahl, die in erster Linie an den Schulen durchgeführt wird. In Petrosawodsk müssen die Kandidaten erst eine Unterschriftenliste vorweisen, um sich zu qualifizieren. Ein Teil der Jugendparlamentarier stammt aus Organisationen oder Schulen, ein Teil kann gar frei über das Internet gewählt werden. Und der größte Unterschied: Während die deutschen JGRs nur beratende Funktion gegenüber den Gemeinderäten haben, haben ihre russischen Gegenstücke eine Teilentscheidungsgewalt über das Budget: Sie können geplanten Jugendprojekten in eigener Entscheidung Unterstützung zuweisen. Von solch direkter Entscheidungskompetenz träumen Jugendräte in Deutschland nur. Herausfinden konnten Interessierte dies vergangenen Mittwoch bei einem Treffen von Vertretern der Gemeinderäte im Tübinger Rathaus. Das Treffen war von den Partnerstädten organisiert und fand im Rahmen der Jugendbuchwoche statt. Nach dem Besuch einer Delegation aus Petrosawodsk zum Stadtfest in Tübingen konnten so nun auch die Jüngeren auf Tuchfühlung mit ihren Kollegen aus der russischen Partnerstadt gehen.

Besser zu spät als nie

Die deutsche Bundesbahn hat mal wieder Probleme mit ihren “Pendolinos”.Bei zwei, der mit mit Neigetechnik ausgestatteten Zügen sind Funktionsfehler aufgetreten. Dies hat die Bahn dazu veranlasst aus Sicherheitsgründen Bundesweit bei allen Zügen dieser Art, die Neigetechnik abzuschalten bis die Probleme gelöst sind. Für den Passagier bedeutet das laut Aussage der Bahn eine 6-7 min längere Fahrzeit. Diese muss allerdings zu den Verspätungen die ohnehin schon auftreten hinzuaddiert werden. Also mit Sicherem Anschluss ist vorerst nicht zu rechnen. Betroffen ist bei uns die Stecke von Aulendorf über Tübingen nach Stuttgart in beiden Richtungen.

Kaffee statt frieren

Wer zur späten Stunde einen Aufenthaltsraum oder Zufluchtsort in Tübingen sucht findet diesen seit letzter Woche am Tübinger Bahnhof. Die Tübinger Bahnhofs Mission bietet mit dem Nacht Cafe einen neuen Raum, in dem sich 17 Ehrenamtliche Missionsmitarbeiter jeweils zu zweit um die Besucher kümmern. Der Kaffee ist umsonst und auch die eine oder andere Kleinigkeit zum Essen gibt es. In besonderen Notfällen kann auch von dort aus telefoniert werden.

Energiesparfuchs

Mit einem kostenlosen Gutachten können Tübinger Haushalte jetzt ihre Heizkosten überprüfen lassen. Wer Interesse hat, muss einen Fragebogen ausfüllen und an die gemeinnützige Beratungsgesellschaft co2online schicken. Mieter bekommen eine fachliche Stellungnahme zur Höhe ihrer Heizkosten, die sie dem Vermieter mitteilen können. Die reagieren häufig mit wärmetechnischen Modernisierungsmaßnahmen auf das Ergebnis der Analyse. Der Grund für hohe Heizkosten ist nämlich meist der mangelhafte energetische Zustand vieler Gebäude. Den Fragebogen gibt’s in der neuen Heizspiegel-Broschüre im Rathaus oder online.

Sauerei

Wie viele Wildschweine genau im Landkreis Tübingen leben, weiß niemand genau. Die Abschuss-Bilanz vermeldet mit 1350 erlegten Wildschweinen eine erhebliche Zunahme im Vergleich zur Vorsaison. Eine steigende Zahl an Wildunfällen bestätigt die enorme Fruchtbarkeit der Wildschweine. Eine einzige Sau könne in einem Jahr bis zu 60 Nachkommen haben. Laut Kreisjägermeister Walter Jäger werde damit aus einem Problem eine Plage. Die stark wachsende Wildschweinpopulation müsse auf ein erträgliches Maß reduziert werden, so Christian Reutter, Vorsitzender des Kreisbauernverbands. Es gebe keine sicheren Äcker mehr, wo sich die Wildschweine nicht an Wintersaat oder Feldfrüchten laben. Außerdem können Wildschweine die Schweinepest übertragen. Bauern und Jäger fordern deshalb die Ausnahmegenehmigung von Treibjagden auch an Sonntagen. Treibjagden seien viel effektiver, als die mühselige Einzeljagd. Die Jäger umstellen ein Gebiet und bringen das eingeschlossene Wild zur Strecke. Für die Treibjagd müssen die Jäger Straßen absperren und Schilder aufstellen. Das birgt Konfliktpotenzial. Ärger droht von Seiten der Kirche, Jogger und Spaziergänger müssen ausweichen und auch der Aufschrei der Tierfreunde wird laut sein.