Mühlstein am Hals
Am Ende läuft Tübingen noch Schwäbisch Hall den Rang ab – im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler als Beispiel für Steuerverschwendung genannt. Von großen Kommunikationsproblemen unter den vielen Beteiligten sprach der Tiefbau-Chef Albert Füger am letzten Montag im Gemeinderat. Aufgrund des Zeitdrucks wurden zehn externe Büros in die Mühlstrassenplanung miteinbezogen. Er war der einzige, der bei dem überfälligen Scherbengericht in Sachen Mühlstrasse Mängel eingestand, so der Kommentar von Sepp Wais im Schwäbischen Tagblatt. Von der Baubürgermeisterin Schreiber war, laut Sepp Wais, nur zu hören, daß sie gerade auch in dieser schwierigen Baustelle alles prima eingefädelt habe. Eingefädelt hat das ganze aber schlußendlich OB Boris Palmer, der letzten Herbst dafür sorgte, daß das Mühlstrassenprojekt kurzfristig beschlossen wurde. Auch die Vorgabe, die Fahrbahn nicht zu verbreitern, da die Busse bei Tempo 20 keine weiteren Zentimeter mehr bräuchten, kam von ihm. Ob nach den vielen Mehrkosten überhaupt noch Geld für den versprochenen Pracht-Boulevard bleibt, ist fraglich. Statt zum zentralen Schmuckstück einer Perlenkette von der Blauen Brücke bis zur Brunnenstrasse wird die Mühlstrasse für OB Palmer nun zusehends zu einem, nach eigenen Worten, „Mühlstein am Hals“. Ihn damit ihm Neckar zu versenken, damit drohten die Gemeinderäte zwar nicht, doch bleibt ihnen letztendlich nur, die ohnehin unerlässlichen Mittel nachträglich abzusegnen oder auch nicht.
Sauerei
Wie viele Wildschweine genau im Landkreis Tübingen leben, weiß niemand genau. Die Abschuss-Bilanz vermeldet mit 1350 erlegten Wildschweinen eine erhebliche Zunahme im Vergleich zur Vorsaison. Eine steigende Zahl an Wildunfällen bestätigt die enorme Fruchtbarkeit der Wildschweine. Eine einzige Sau könne in einem Jahr bis zu 60 Nachkommen haben. Laut Kreisjägermeister Walter Jäger werde damit aus einem Problem eine Plage. Die stark wachsende Wildschweinpopulation müsse auf ein erträgliches Maß reduziert werden, so Christian Reutter, Vorsitzender des Kreisbauernverbands. Es gebe keine sicheren Äcker mehr, wo sich die Wildschweine nicht an Wintersaat oder Feldfrüchten laben. Außerdem können Wildschweine die Schweinepest übertragen. Bauern und Jäger fordern deshalb die Ausnahmegenehmigung von Treibjagden auch an Sonntagen. Treibjagden seien viel effektiver, als die mühselige Einzeljagd. Die Jäger umstellen ein Gebiet und bringen das eingeschlossene Wild zur Strecke. Für die Treibjagd müssen die Jäger Straßen absperren und Schilder aufstellen. Das birgt Konfliktpotenzial. Ärger droht von Seiten der Kirche, Jogger und Spaziergänger müssen ausweichen und auch der Aufschrei der Tierfreunde wird laut sein.
Ganz groß bei den Kleinsten
Zur Zeit ist Tübingen noch absolute Spitze: Und zwar bei der Kleinkindbetreuung. Keine andere Stadt vergleichbarer Größe hat eine höhere Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren. Dabei ist nicht nur die aktuelle Bilanz spitze, sondern auch bei der Ausbaugeschwindigkeit ist Tübingen ganz vorn dabei. Zwischen 2006 und 2008 stieg die Quote von gut 20 auf gut 30 Prozent. OB Palmer findet das Ergebnis „logisch“, da in den letzten Jahren in Tübingen an der Betreuung gar nicht gespart wurde. Ob das allerdings auch in Zukunft so bleiben wird, ist äußerst fraglich. Die Haushaltslöcher wachsen und der finanzielle Spielraum der Stadt wird immer enger. Der Gemeinderat wird also bald entscheiden müssen, wo das Geld für die Kleinkindbetreuung in Zukunft herkommen soll. Ein weiterer Ausbau ist jedenfalls voraussichtlich kaum noch finanzierbar. Nun muss die Stadt sehen, ob sie die Betreuung für erste stagnieren lässt, oder es ihr gelingt, neue Einnahmequellen zur Gegenfinanzierung aufzutun. Im Gespräch dafür ist weiterhin die Grundsteuer.
Selbstgestrickt hält länger
Der Verein Kindergruppe Kusterdingen feierte am letzten Wochenende sein 20jähriges Bestehen. Das Elternnetzwerk erwies sich nicht nur als beständig sondern auch als ausbaufähig. 1989 taten sich 20 Familien zur gemeinsamen Kinderbetreuung zusammen. Inzwischen sind es 157 Familien, die sich in der selbst ausgebauten ehemaligemn methodistischen Kirche treffen. Nicht mehr nur die gemeinsame Kinderbetreuung, sondern vielfältige generationenübergreifende Aktivitäten werden hier organisiert. Selbstgestrickt hält eben länger!
Bühne frei
Die „Geschichte vom Onkelchen“ von Dieter Kümmel, die schon seit 21 Jahren auch nach dem Tod des Regisseurs im Theater Marienbad in Freiburg aufgeführt wird hat den Allrounder Michael Miensopust der schon am Salzburger Landestheater angestellt war zum Kindertheater gebracht. Und Jetzt bringt er die Kinder in Tübingen zum Theater. Er ist der neue Kinder und Jugendtheater Chef im LTT. Auch zwei Schauspieleringen eine Dramaturgin und ein Regieassistent fangen in Miensopusts Mannschaft neu beim LTT an. Unter seiner Leitung sollen auch neue Formate ausprobiert werden: Auch vermehrt mit Schulen und Jugendzentren sollen projekte entstehen, meint der „Theater Macher“, wie er sich selber nennt. Miensopust zeigt sich allgemein offen Neuem gegenüber und begrüßt das „autonome Modell“ wie es im Tübinger LTT praktiziert wird.
Echtes Schmuckstück
Professor Hermann Bausinger kann seine Brust mit einem weiteren Preis schmücken: Generationen von Empirischen Kulturwissenschaftlern preisen noch heute seine begnadeten pädagogischen Fähigkeiten. Ihnen brachte er mit Charme und Esprit die akademische Durchleuchtung der Alltagskultur nahe. Er zeigte wie das geht, mit Leichtigkeit die Tiefen ausloten unter der Oberfläche des Vertrauten, die eigene Welt zu durchleuchten. Er war es, der den frischen Wind brachte in die muffige, braunbefleckte Volkskunde. Seinen Lehrstuhl der Volkskunde möbelte er ab 1960 zur Empirischen Kulturwissenschaft auf. 1992, als er emiritierte, war diese zu einem Fach geworden, in dem man Video-Clips und Graffiti, Tupperware und Ost/West-Bilder analysieren und im Kaffeelöffel durch die Weltgeschichte reisen konnte, ein Fach, das nicht nur Kulturwissenschaftler, sondern auch Künstler hervorbrachte und Wüste Welle Moderatoren. Mit 83 Jahren ist Hermann Bausinger noch immer eine beeindruckende Erscheinung, ein eloquenter Redner und Literat, profunder Landeskenner und ein gesuchter Gast. Letzten Sonntag wurde ihm im franz K. der Theo-Pinkus-Ehrenpreis verliehen für seine Leistung der wissenschaftlichen Darstellung des Alltäglichen und seiner besonderen Verdienste um die neue kulturelle Entwicklung im Land.
Energiesparfuchs
Mit einem kostenlosen Gutachten können Tübinger Haushalte jetzt ihre Heizkosten überprüfen lassen. Wer Interesse hat, muss einen Fragebogen ausfüllen und an die gemeinnützige Beratungsgesellschaft co2online schicken. Mieter bekommen eine fachliche Stellungnahme zur Höhe ihrer Heizkosten, die sie dem Vermieter mitteilen können. Die reagieren häufig mit wärmetechnischen Modernisierungsmaßnahmen auf das Ergebnis der Analyse. Der Grund für hohe Heizkosten ist nämlich meist der mangelhafte energetische Zustand vieler Gebäude. Den Fragebogen gibt’s in der neuen Heizspiegel-Broschüre im Rathaus oder online.
Kaffee statt frieren
Wer zur späten Stunde einen Aufenthaltsraum oder Zufluchtsort in Tübingen sucht findet diesen seit letzter Woche am Tübinger Bahnhof. Die Tübinger Bahnhofs Mission bietet mit dem Nacht Cafe einen neuen Raum, in dem sich 17 Ehrenamtliche Missionsmitarbeiter jeweils zu zweit um die Besucher kümmern. Der Kaffee ist umsonst und auch die eine oder andere Kleinigkeit zum Essen gibt es. In besonderen Notfällen kann auch von dort aus telefoniert werden.
Videokunst auf Rädern
Auf die Fenster eines stehenden Wohnwagens wird die vorbeiziehende Landschaft projeziert. Das nennen wir doch mal umweltfreundliches Reisen. Felix Ott und Benjamin Brix heißen die zwei Studenten, die sich dieses Projekt ausgedacht und realisiert haben. Die Filme werden mit mehreren Kameras und einer spezial konstruktion von einem Autodach aufgenommen. Leider ist der Camper nicht fahrtauglich, deshalb muss er mit einem Anhänger transportiert werden. Auf diese Weise kam er von Berlin über Kassel nach Mössingen zum Kulturherbst aufs Pausagelände. Je nach Austellungsort werden immer neue Filme für den Wohnwagen produziert. Felix Ott, der seit sechs Jahren in Berlin lebt und dort zeitgenössischen Tanz studiert ist der Sohn des Schauspielers, Regisseurs, Dramaturg und Autors des Lindenhoftheaters Franz Xaver Ott. Der mit seinem Sohn in dem Stück „Der Eine und der Andere“ auch schon mal gemeinsam auf der Bühne steht. Die nächste Station des „Mr Bot“ wie der Videowagen getauft wurde ist noch unbekannt. Es werden noch Aussteller des Projekts gesucht.
Kinder und Medien
An den Reutlinger Grundschulen soll in Zukunft der Zusammenhang von Fernsehkonsum, Schulleistungen und Gesundheitsproblemen stärker thematisiert werden. Das Projekt trägt den wenig ansprechenden Namen „Keine Bildschirmgeräte in Kinderzimmern“ und will gegen den hohen und unkritischen Medienkonsum von jungen Kindern vorgehen. Die Medienkompetenzarbeit der letzten Jahre habe zum Teil schon ein Einsehen der Eltern zur Folge gehabt. Das aktuelle Projekt zielt also weniger auf ein Erkenntnisproblem, sondern thematisiert die Umsetzung. Kurz gesagt: Eltern sollen ermuntert werden, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und ihnen persönliche, positive Rückmeldungen zu geben, anstatt sie einfach vor Fernseher oder Computer zu parken. Das Projekt soll nun für drei Jahre laufen und ab dem zweiten Jahr auch an Tübinger Grundschulen getestet werden. Ein Problem sehen die Projektinitiatoren aber jetzt schon: Auch hier wird es wieder eine Kluft zwischen Arm und Reich geben. Besonders Eltern in prekären Beschäftigungsverhältnissen haben nämlich einfach zeitlich Probleme, sich mit ihren Kindern soviel wie möglich und nötig zu beschäftigen.
Science-Slam
Endlich ist es so weit: Wissenschaftler werden nach ihrer Verständlichkeit bewertet. Wenn auch nur unter der Moderation von Harry Kienzler. Der Tübinger Poetry Slammer moderierte den ersten Tübinger Science-Slam am Tag der offenen Tür der Max-Planck-Institute letzten Samstag. Drei Vortragende traten an. DieThemen waren Muskelstammzellen der Zebrafische, die Zuverlässigkeit von Websites und die Frage der menschlichen Orientierung. Jan Souman war es, der zu dieser Frage seine Probanden in den Wald schickte, um zu sehen, ob und wie sie sich verirrten. Seine Zuhörer ließ er nicht orientierungslos zurück, was sie ihm mit heftigem Siegesapplaus honorierten.
